|
Digital Audio in klösterlichem Ambiente |
|
Schon ein feststehender Begriff geworden
sind die alljährlichen Fachseminare, die Stage Tec im Bildungszentrum
Kloster Banz anbietet. Im Jahr 2001 war die Veranstaltung mit dem
Motto »Neue Konzepte der Audiotechnik« überwiegend
Rundfunk-spezifischen Themen gewidmet sowie dem weiten Feld des Surround-Sounds.
Mit hochkarätigen, international bekannten Referenten wie u.
a. Dr. Günther Theile, Gerhard Steinke, Prof. Dr. Jörg
Sennheiser und Dr. Helmut Jahne hat das Seminar für außergewöhnlich
viel Interesse gesorgt: Insgesamt waren an den beiden aufeinanderfolgenden
Terminen über 100 Teilnehmer angemeldet – deutlich mehr
als bei den bisherigen Veranstaltungen. Auffallend war auch der hohe
Anteil von ca. 40% an Teilnehmern aus dem europäischen Ausland
(Belgien, England, Italien, Niederlande, Polen, Schweden, Schweiz, Slowakische
Republik, Spanien), für die Simultanübersetzungen ins Englische und
Französische angeboten wurden. Die allgemein positive Resonanz zeigt, dass
sich das Seminar im Kloster Banz inzwischen als informative Fachveranstaltung
von europäischem Rang etablieren konnte. |
Dazu haben auch die vergleichsweise langen Vortragsblöcke beigetragen,
die mit 60 Minuten je Vortrag doppelt so viel Zeit für fachliche
Tiefe boten, wie die auf sonstigen Kongressen üblichen 30-Minuten-Blöcke.
|
|
Das Vortragsprogramm wurde auch in diesem Jahr wieder von einer
kleinen Fachausstellung und von Workshops begleitet. Dafür wurde
von den beteiligten Firmen Klein + Hummel, MPC/Mefisto, Salzbrenner,
Sennheiser, SRT und Stage Tec ein hoher technischer Aufwand betrieben:
Im Klosterhof stand der neue, von Mefisto gebaute TV-Übertragungswagen
MPC Ü-2000, der via Glasfaser mit einer Cantus-Tochterkonsole
und Nexus-Audiorouter im Vortragssaal verkoppelt war, und zeitweise
auch das Bild für die Videoprojektion lieferte. Für Demonstrationen
von Surroundsound-Aufnahmen war eine Mehrkanalton-Beschallungsanlage
von K+H aufgebaut,
und eine mehrsprachige, transportable Dolmetscheranlage von Sennheiser sorgte
auch bei den Workshops, der Ü-Wagen-Führung und nicht zuletzt bei der
Klosterführung für internationale Verständlichkeit. |
|
Die Seminare haben inzwischen eine lange Tradition. Seit 1993 veranstaltete
die Salzbrenner GmbH - noch vor der Gründung von Stage Tec - die
ersten Schulungen und Seminare im Bildungszentrum Kloster Banz. Diese
Tradition hat Stage Tec vor gut drei Jahren wieder aufleben lassen
und seitdem jährlich ein Fachseminar zu den aktuellen Themen der
digitalen Audiotechnik angeboten. Nach dem außerordentlich großen
Anklang, den die Veranstaltung in diesem Jahr hatte, plant Stage Tec
nun auch ähnliche Seminare im europäischen Ausland.
Das Seminar fand zweimal, nämlich am 12. und 13. und am 14.
und 15. Februar 2001 im Bildungszentrum des Kloster Banz bei Bamberg
statt.
|
Die Referate in alphabethischer Reihenfolge
Der freie Tonmeister Wolfgang Ellers erläuterte die Skalierungsmöglichkeiten
bei DVD-Produktionen. Dazu zeigte er zunächst die verschiedenen
Audioformate mit ihren Besonderheiten auf und brachte dann viele akustische
Beispiele,
in denen man nicht nur die Unterschiede zwischen den Formaten, sondern auch die
unterschiedlichen Ästhetiken von Mehrkanal-Tonaufnahmen hören konnte. |
| Dr. Helmut Jahne, Geschäftsführer und Chefentwickler der
Stage Tec Entwicklungsgesellschaft, stellte in seinem Vortrag über
technische Parameter und ihre Auswirkungen in der Praxis eine noch
ungewohnte These auf: Die konsequente Ausnutzung der Möglichkeiten
der neuesten Bauelemente erlauben es – ein entsprechend intelligentes
Design der Ein- und Ausgangsstufen vorausgesetzt – auf geschirmte
Leitungen für analoge Signale zu verzichten. Mittels Digitaltechnik
kann die hohe erreiche Signalqualität ohne Verschlechterung bis
zum Empfänger gebracht werden. Die Übersprechdämpfung
kann sich durch den Verzicht auf einen Schirm sogar verbessern!
Bei weitgehend idealer Erdfreiheit gibt es den Begriff »symmetrischer Eingang« und »symmetrischer
Ausgang« nicht mehr. Zur Erläuterung zeigte er die Schaltung der erdfreien
analogen Ein- und Ausgangsstufen des Nexus-Audiorouters, deren Symmetriedämpfung
aufgrund der echten Erdfreiheit praktisch kaum noch messbar ist. Außerdem
zeigte er Messergebnisse, die mit geschirmten und ungeschirmten Kabeln am NEXUS-System
durchgeführt wurden. Ungläubige Seminarteilnehmer konnten sich durch
einen kleinen Testaufbau mit einem 300 m langen ungeschirmten Kabel und den kleinen
Signalen eines dynamische Mikrofons selbst überzeugen. |
|
Reiner Othmer, Planungsingenieur beim hr, stellte das Konzept des neuen
Schaltraum Hörfunk des Hessischen Rundfunks vor. Der hr hatte seinen
gesamten Hörfunkkomplex auf einen Schlag von traditioneller auf
digitale vernetzte Technik umgestellt. Dazu entwickelte der Sender völlig
neue Konzepte, denn die neue Technik sollte nicht nur auf digitaler Ebene
die bisherigen Strukturen innerhalb des Hauses kopieren, sondern vielmehr
die Möglichkeiten von neuen Arbeitsweisen und Technologien mit Altbewährtem
verbinden. Dadurch stellte sich in der Planungsphase die Aufgabe, die
Signalverteilung innerhalb des Hauses neu zu überdenken. Einige
klassische Aufgaben der Signalverteilung entfallen durch die Computervernetzung:
Audio wird beispielsweise innerhalb der Wellen und teilweise auch im
Wellenaustausch als Datei über das Netz verschickt, statt über
Audioleitung geschaltet. Dafür gibt es aber auch einige neue Routing-Wege,
die abgedeckt werden müssen. Der heutige Schaltraum Hörfunk
des hr stellt eine Kapazität von 1.506 Eingängen und 2.564
Ausgängen zur Verfügung und wird von vier Steuersystemen
verwaltet. |
| Thomas Sandmann, Toningenieur und Inhaber der ths master mix Studios,
stellte sein Konzept für die Abhörmatrizierung bei Surround-Produktionen
vor. Von der diskreten 5.1-Mischung über eine Video-Produktion
in Dolby Prologic bis hin zum Kinoton in Dolby Digital EX mit gleichzeitiger
Lichtton-Spur in Dolby-Stereo-SR müssen in der Mischung verschiedene
Mehrkanalton-Formate abgehört und auf Abwärtskompatibilität
getestet werden. Die Signale müssen sich daher einschließlich
aller Coder-Decoder-Strecken selektiv auf das Monitorsystem aufschalten
und vergleichend abhören lassen. Verschiedene Zuspieler müssen
eingebunden werden können, die ihrerseits Signale in jeweils unterschiedlichen
Ausgabeformaten liefern. Zum praxisgerechten Abhören einer Surround-Produktion
gehört darüber hinaus die flexible Einbindung diverser Encoder-Decoder-Strecken.
Die Vielfalt der Anordnung ergibt sich nicht nur durch die verschiedenen
Formate, sondern auch durch die Forderung, für das Prologic-Format
beispielsweise neben einer Dolby SEU/SDU-Strecke auch einen passiven
Konsumer-Decoder schaltbar vorzuhalten, um bereits bei der Produktion
die Auswirkung einer späteren, derartigen Wiedergabe hören
und berücksichtigen zu können. Gemeinsam mit der Einbeziehung
aller Zuspieler und der Möglichkeit, auch falsche Kombinationen
wählen zu können, um so die Stereo-Kompatibilität einer
Prologic-Mischung sowie die Prologic-Kompatibilität einer gewöhnlichen
Stereo-Mischung überprüfen zu können, ergeben sich auch
hier vielfältige, neue Aspekte. |
| Bernhard Schullan, Projektingenieur beim Systemhaus Salzbrenner,
erläuterte die Mehrfachnutzung des Audiorouters Nexus bei komplexen
Anwendungen in Rundfunk, Kongresstechnik und Theater. Darunter versteht
er den Betrieb mehrerer Dienste wie die Beschallung, Kommando, Ruf-
und Alarmierung und Inspiziententechnik über eine Systemplattform
sowie die gleichzeitige Nutzung dieses Systems für verschiedene
unabhängige Veranstaltungen. Durch diese Mehrfachnutzung erreicht
der Anwender eine sehr gute Auslastung der vorhandenen Technik und
kann auch eine Hierarchie der Dienste gewährleisten. Dies wird
etwa dann wichtig, wenn im Brandfall die Alarmierungsanlage Vorrang über
alle anderen Systeme haben muss. In einem derart komplexen System kann
man für die verschiedenen parallelen Anwendungen vorgefertigte
Konfigurationen mit verschiedene Lautsprecherkreisen samt Verzögerungslinien
einprogrammieren, die dann im Alltag von einem angelernten Mitarbeiter
aufgerufen werden können. |
| Dr. Klaus-Peter Scholz, Geschäftsführer der Stage Tec
Entwicklungsgesellschaft, zeigte in seinem Vortrag über große
Audionetze im Theater die neuesten Trends im Bereich der Theatertechnik
auf. Dazu definierte er zunächst die Anforderungen an die Technik
hinsichtlich ihrer Audio-Parameter, ihrer Modularität, Bedienbarkeit,
Zugriffsbeschränkung, Wartung und Betriebssicherheit. Anhand
von Beispielen wie der Installation in der Deutschen Oper Berlin
demonstrierte er vor allem die Modularität und Flexibilität,
die sich bei modernen Audionetzen dank der Glasfaser-Verkabelung
realisieren lässt. Ein wesentlicher Bestandteil derartiger Audionetze
sind die Mischpulte, die meist an mehreren Spielorten benötigt
werden.
Diese Pulte können entweder vollkommen unabhängig voneinander betrieben
werden, oder sie lassen sich wesentlich flexibler in einer Vekopplung im Parallel-
oder Splitbetrieb einsetzen. Derartige Anwendungen kommen auch in anderen Sparten
wie beispielsweise bei der Liveübertragung des Sanremo-Schlagerfestivals
zum Einsatz. Im Theater bietet schließlich noch die Einbindung von Inspizienten-Ruf-
und Benachrichtigungssystemen eine bessere Auslastung des vorhandenen Audionetzes
und spart Zusatzanschaffungen ein. |
 |
| Prof. Dr. Jörg Sennheiser, Aufsichtsratsvorsitzender von Sennheiser,
sprach über Technologien von heute für die Mikrofone von
morgen. Mit diesem Thema führte er kurz in die Grundlagen der
Wahrnehmung und der elektroakustischen Wandlung ein und stellte dann
neue Ansätze für die Realisation von Mikrofonen und Lautsprechern
vor. Themenbereiche waren unter anderem das optische Mikrofon, das
Mikrofon sowie der Ultraschall-Lautsprecher, der auch auf dem Ausstellungsstand
von Sennheiser vorgestellt wurde. |
| Gerhard Steinke, der als Moderator durch die gesamte Veranstaltung
führte, sprach zu der Fragestellung: Wieviel Kanäle braucht
der Mensch? Ausgehend von den allgemeinen Zielen von Beschallungen
legte Herr Steinke in seinem Vortrag die Ausgangsbedingungen für
eine gelungene Mehrkanal-Wiedergabe dar. Er erläuterte dazu die
Möglichkeiten und Einschränkungen, wobei er auf die sinnvolle,
anwendungsortientierte Nutzung des 3/2-Standards in Bezug auf die Lautsprecher-Anordnungen
bei der Wiedergabe näher einging. Aus der 3/2-Hierachie leitete
er Modifikationen zur Optimierung ab und diskutierte die verschiedenen,
in der Branche üblichen Vorschläge. Seine Empfehlung: Für
reine Tonaufnahmen für DVD, Rundfunk oder Fernsehen sollte man
nicht – wie im Filmton üblich – das 5.1-Format verwenden,
sondern auf den LFE-Kanal verzichten und ein reines 3/2-Format einsetzen. |
Dr. Günther Theile, der am Institut für Rundfunktechnik den
Forschungsbereich Audio-Systemtechnik leitet, erläuterte Theorie
und Praxis der Mehrkanal-Stereophonie. Sein Beitrag befasste sich vorrangig
mit dem Ziel der Verbesserung der reinen Musikwiedergabe im 3/2-Format.
Anhand pyschoakustischer Grundsätze wurden die Vorzüge und
Nachteile dieses neuen Stereoformats einer Analyse unterzogen.
Das 3/2-Stereoformat erlaubt dem Tonmeister, einen besseren Eindruck
der räumlichen Tiefe, der Räumlichkeit, des Raumeindruckes
sowie der Umhüllung zu erwecken als dies mit Zweikanal- Lautsprecherwiedergabe
möglich ist. Je besser das Verständnis der psychoakustischen
Phänomene ist und je mehr man als Tonmeister und Künstler
bestimmte neue »Werkzeuge« der Mehrkanal-Stereofonie gezielt
einsetzt, desto erfolgreicher und überzeugender wirkt die Wiedergabe.
Das gilt vor allem, wenn eine optimale »Natürlichkeit« der
stereophonen
Wiedergabe erwünscht ist.
Großen Umfang nahmen daher auch die Erläuterungen zu den verschiedenen
Mehrkanal-Aufnahmekonzepten ein, zu denen Dr. Theile ihre Besonderheiten aus
psychoakustischer und praktischer Sicht darlegte. Es wurde deutlich, dass der
Center-Kanal die stereofone Abbildungsqualität hinsichtlich Klangfarbe,
Lokalisationsschärfe und Richtungsstabilität erheblich verbessern kann
und dass der seitliche Darstellungsbereich für die räumlichen Attribute
eine hohe Realitätsnähe ermöglicht. Betont wurde die Unterschiedlichkeit
klangästhetischer Zielsetzungen und die Notwendigkeit einer konsequenten
Wahl der geeigneten stereofonen Mittel. So sind beispielsweise verzögerte
Stützen unter bestimmten Umständen sinnvoll, unter anderen Umständen
aber nicht! Einen Artikel von Dr. Theile zu diesem Thema - »Multichannel
Natural Music Recording Based on Psychoacoustic Principles« - kann auf
der Website des IRT heruntergeladen werden. |
|